| Toronto im Dezember |
|
1998 auf 1999 verbrachten wir Silvester in Toronto. Kinder, vergesst alles, was ihr bisher unter der Definition "Kälte" eingeordnet habt. Es ist schon eine ganz besondere Erfahrung, wenn man bei -22 Grad in Toronto aus einem herrlich beheizten Flughafengebäude nach draußen läuft. Noch bevor Du den sich Dir bietenden unglaublich schönen Sonnenuntergang über der Stadt überhaupt optisch realisierst, fährt Dir beim ersten Atemzug stechend kalte Luft in die Luftröhre und vermittelt Dir das Gefühl, Deine Lunge wird wie in Zeitraffer vereist. Wenn dann noch eine leichte Brise sich dazugesellt, denkst Du: „ok, es geht nimmer kälter“ und Deine Ohren sind im nu hartgefroren. Wie man sich doch irren kann.... In der Silvesternacht dann kam die nackte Realität auf mich zu: Mein Freund Gerhard, den wir damals in Toronto besuchten, zog mit mir um die Häuser, um die Silvesternacht wie ein echter Kanadier zu genießen: Downtown, in the streets. Wir liefen mehr oder weniger ziellos durch die Gegend und sahen uns die schönsten Plätze der Stadt und die Eisskulpturen an, die tags zuvor erst mit Kettensägen aus nahezu blasenfreien Eisblöcken, später in filigranster Kleinarbeit „geschnitzt“ wurden. Unglaublich, was man aus Eis alles machen kann. Leider hatte ich damals noch keine Digicam, obwohl ich diese unglaublichen Eindrücke gerne teilen würde. Ihr könnt ja mal bei google "Eisskulpturen" eingeben (Anmerkung: aus lizenzrechtlichen Gründen möchte ich an dieser Stelle keine Bilder einstellen, die mir nicht gehören). Nachdem uns aber fast die Zehen abfroren, hatte ich die Faxen dicke, winkte wir uns ein Taxi heran und sprang auf die durchgesessene Rückbank eines 94er Chevy Caprice Taxis, immerhin mit '386 thousand kilometers' auf der Uhr. Der cab driver frage „where you wanna go?“ I said:“ We don’t mind, please just keep circeling this area for a while and we’ll be fine“ *grinnnn* Gesagt getan, wir fuhren also 20 Minuten durch die city und genossen diese unglaublich klare, kalte und trockene Nacht aus der Wärme des Taxis bis ich einen dieser unglaublichen Verkaufswagen entdeckte, der am Straßenrand Pommes und weiß der Geier was verkaufte. Der Hunger trieb uns also raus und wir sahen uns diesen Wagen genauer an. Stellt Euch einen dieser typischen UPS-Wagen aus amerikanischen Spielfilmen vor, mit dem Unterschied, dass dieser hinten eine komplette Pommesküche drinhatte, also eine überdimensionierte Friteuse und Unmengen von Kartoffeln, die an Ort und Stelle zu Fritten verschafft wurde. Da sich dies nur unter gehörigem Dampf vollzog, hatte sich an der Innenseite der Frontscheibe dieses Autos eine schätzungsweise 5 cm dicke Eisschicht gebildet. Der kam da definitiv ohne ein bunsenbrennerartiges Gebläse für die Windschutzscheibe folglich vor dem Frühling nicht mehr weg schoss es mir durch den Kopf. Da uns die Schlange an der Frozen Pommesbude definitiv zu lange war, beschloss ich, einer Grillwurst den Vorzug zu geben. Merke: Stehen bleiben ohne Bewegung ist im Dezember in Toronto für uns Mitteleuropäer einfach nicht geeignet. Die Zähne klappern so schnell, dass man kaum ein Wort rauskriegt. Also orderte ich ne Wurst ein paar Schritte daneben und bekam auch gleich eine aufs Brötchen geklatscht. Senf und Ketchup sind da in den Plastikflaschen wisperte mir der freundliche Kanadier zu und steckte sich schnell wieder die Hände in die Taschen. Schon beim Anheben der Senfflasche kam mir die Sache spanisch vor, denn die Schüttelbewegung derselben führte zu nichts anderem als einem lauten Klackern innerhalb der Flasche. Der Senf war schlichtweg komplett en block gefroren. Der freundliche Kanadier taute mir die Flasche mit gekonntem Griff in professioneller Drehbewegung über dem BBQ auf, das gefrorene Ketchup natürlich auch. Als ich dann Ketchup und Senf endlich im gewünschten Aggregatszustand hatte, musste ich feststellen, dass die Wurst mittlerweile dem windchill nicht mehr hatte trotzen können; sie war schlichtweg bereits wieder gefroren. Mit gestärkten Gebiss verfolgten wir den Rest des bunten Treibens in dieser unvergesslichen Silvesternacht in dieser Millionenmetropole und ich zog es gegen 2 Uhr morgens (mir war kalt genug) vor, das Hotel aufzusuchen. Ich kroch also in ein völlig unterkühltes Hotelbett (ich schätze mal, es waren 15 Grad in dem Schuppen) und war kaum eingenickt, da riss mich eine unglaublich laute Sirene aus dem Schlaf. Es war, als hielt einem jemand eine Druckluftfanfare direkt an die Schläfe, ein heulendes Auf -und Ab und mir schlug das Herz bis zum Hals. Feueralarm! Kanadische Hotelzimmer verfügen nämlich nicht nur über eine Sirene in jedem Zimmer sondern außerdem über eine Lautsprecheranlage, über die Anweisungen im Falle eines Brandes oder ähnlich katastrophalem Zustand wiedergegeben werden. Ich lief zum Fenster und war doch einigermaßen beunruhigt zwölf Stockwerke unter mir einen Feuerwehrwagen angerast zu sehen, und einen Feuerwehrmann dabei zu beobachten, wie er eine ausgewachsene Axt aus seiner Halterung riss und mit eiligen Schritten aufs Haus zu rannte. Wie sich die Stimme über Lautsprecher äußerte, sollte jeder Ruhe bewahren und die Zimmer nicht verlassen, bis es andere Anweisungen gäbe. Bange Minuten des Wartens folgten bis endlich die erlösende Durchsage kam, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Der Schock hing uns noch ewig in den Knochen und wir wussten nicht, was uns mehr zittern ließ – die Kälte im Hotelzimmer oder der nächtliche Schock in einem vermeintlich brennenden Hochhaus zu stecken. Toronto – eine unglaubliche Stadt und ein unglaublicher Trip. Ich höre an dieser Stelle auf zu schreiben, damit ich Euch demnächst hier den zweiten Teil dieser ereignisreichen Reise erzählen kann.
|