Zahnschmerzen
Es gibt Zahnschmerzen und – Zahnschmerzen, richtig? Die einen plagen einen mehr oder minder und verschwinden schlagartig, sobald man das Summen des Türöffners hört, also das Geräusch, wenn sich die Pforte zur Hölle öffnet. Die Rede ist vom freiwilligen Betreten der Zahnarztpraxis und vom Phänomen, dass sich diese Art von Zahnschmerzen just in diesem Moment verflüchtigen, man sich nicht mal mehr daran erinnert, jemals welche gehabt zu haben, und sich unweigerlich die lebenserhaltende Frage stellt: „Was zum Geier tue ich hier?“

Spätestens jetzt fallen einem ein Dutzend  Dinge ein, die man dringend erledigen muss, und man dreht auf der Hacke um, um diesen Tag sinnvoll zu nutzen um ihn nicht etwa in der Stille eines steril riechenden Wartezimmers zu verbringen, in dem man das Atemgeräusch seines Sitznachbarn und alle anderen Geräusche (ob man sie nun hören will oder nicht)  allzu deutlich wahrnimmt. Spätestens nach 2 Tagen steht man wieder an besagter Tür und kann es selbst nicht fassen, dass man sich erneut in die Höhle des Löwen begibt, und seinen ganzen Mut zusammennehmen muss, um lediglich den Klingelknopf einen Millimeter für den Bruchteil einer Sekunde zu drücken (vielleicht überhört man es drinnen ja....hoffentlich).

Dieses Ritual wiederholt sich u. U. noch ein paar Mal, bis entweder die freundliche Arzthelferin wegen -zigfacher Terminverschiebungen aufgrund haarsträubendster Begründungen sichtlich genervt ist und einem schlichtweg keinen Termin mehr gibt, oder man mittlerweile bei Schmerztyp B angelangt ist, der Mutter aller Zahnschmerzen. Die Rede ist von der anderen Art Schmerzen, die einen dazu treiben, jede Art der Freundlichkeit der Dame an der Rezeption gegenüber walten zu lassen, die man noch überhaupt aufzubringen im Stande ist, denn machen wir uns nichts vor, sie ist schliesslich die Schlüsselfigur.

Diejenige, die gute Verbindungen zum Chef hat, dem Mann also, mit den tausend Mordwerkzeugen. Nichts wäre jetzt fataler, als ein Rachefeldzug einer kleinen Angestellten, die ihrem Ärger über einen nervigen Patienten Luft macht, indem sie ihrem Chef den verschlüsselten Code zum Quälen eben dieses Patienten zukommen lässt. Dieser Code ist von Praxis zu Praxis verschieden und kann z. B. lauten: „ Herr Müller ist in Zimmer 2“.

Auch bei Äußerungen wie „Herr Doktor, der Notfall ist jetzt da“, ist äußerste Vorsicht geboten, wenn diese scheinbar nichts sagende Floskel mit einseitig hochgezogener Augenbraue und leicht schiefem Grinsen von sich gegeben wird, denn sie bedeutet zumeist das nahezu sichere Todesurteil.

Genug der Verallgemeinerungen, kommen wir zu einem konkreten Fall:


Ich bin also bereits auf Schmerzebene 2 angelangt und habe der freundlichen Arzthelferin bereits 3 mal mit fadenscheinigen Ausreden versucht, mein plötzliches Wegbleiben plausibel zu machen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dieser Kleingeist nimmt es mir immer noch krumm, und kann offenbar nicht glauben, dass ich nun tatsächlich vor ihr stehe und ihr meine Versichertenkarte zuschiebe.

Mit knallroten Augen und bis zum Zerreißen gespannten Nerven absolviere ich die erste Dreiviertelstunde im Zeitvernichtungszimmer, nicht ohne den Versuch zu starten, den Riesenstapel uralter Zeitungen nach etwas wirklich Interessantem zu durchwühlen. Es muss doch neben diesen fachärztlichen Fachchinesischblättern auch irgend etwas Leichtverdauliches wie z. B. eine Autozeitung oder auch einen Playboy hier geben. Die Todesangst lässt mich schließlich in nackter Verzweifelung sogar eine „Freundin“ im Daumenkino-Stil durchblättern, ohne dass ich darin irgendetwas Lohnenswertes aufzuschnappen vermag.

Die nasale Lautsprecherdurchsage reißt mich schliesslich aus meiner Lethargie und lässt mich zombiegleich in Behandlungsraum 2 schlurfen, der hell erleuchtet vor mir liegt, und in dem ich mich seelisch und moralisch auf mein Ableben vorbereite. Todesmutig schleppe ich mich auf den Behandlungsstuhl und liege wie eine halbtote Kakerlake völlig wehrlos da. Bis fast zur totalen Erblindung starre ich minutenlang  in das Wunderwerk modernster Beleuchtungstechnik (nicht ohne immer und immer wieder denselben aufgedruckten Schriftzug dieser verdammten Lampe zu lesen) und mir fallen dabei sämtliche Sünden auf einmal ein. Ich zähle die Sekunden, konzentriere mich auf meine feuchten Finger, meine verkrampfte Haltung und denke an das Würgen, dass sich unweigerlich später einstellen wird, habe ich erst drei Paar fremde Hände und zwei verschiedene Werkzeuge im Mund. Sicherheitshalber würge ich schon mal Probe. Es klappt, denn ich bin ein gnadenloser Würger.

Mit unglaublicher Dynamik betritt der Arzt unvermittelt den Behandlungsraum, drückt mir mit der Sensibilität der Klitschko - Brüder per „Gorillapresse“ die Hand und erkundigt sich höflich nach meinen Beschwerden. „Na, wo tuts denn weh?“ Soviel Selbstvertrauen kann nur jemand ausstrahlen, der sich gerade auf der richtigen Seite des Behandlungsstuhles befindet schiesst es mir durch den Kopf. 

Er zieht also die Lampe herunter, schaltet den nuklearen Beleuchtungsbooster auf overkill, der mir fast das Zäpfchen grillt, und es wird hell in mir, dass vorbeilaufende Passanten von draussen sehen können, wie es mir aus den Ohren und Nasenlöchern leuchtet.  Die Ereignisse überschlagen sich plötzlich und ich komme kaum noch hinterher, mich auf meine Angst zu konzentrieren. Ich werde pneumatisch hochgefahren, meine gesamte Position ändert sich, der Lichtstrahl ändert seinen Winkel und ich kämpfe mit einem Krampf im Unterkiefer und dem wie unterdrücke ich nur meinen Würgereiz?

Während der Doc im Schnellverfahren meine restlichen zur Verfügung stehenden Kauwerkzeuge durchscannt, und dabei der Arzthelferin geheime Zahlencodes zuflüstert, versucht er, bedingt durch sein Herumfuhrwerken im meinem Mund, meinen akustischen, leicht unverständlichen Ausführungen zu folgen,  um den Schmerzherd zu lokalisieren. Ein umgedrehtes Werkzeug eines seiner Mordwerkzeuge leistet hierbei hilfreiche Dienste, den Bösewicht zu finden. „Ist es der hier?“ höre ich noch in der Sekunde bevor er mir dezent den Stil auf den Zahn schnalzt und es mir fast vor Schmerz die Schädeldecke herunterreißt. Offenbar erleichtert, dass die Suche ein so jähes Ende gefunden hat, kommt auch schon die beruhigende Diagnose: „Da machen wir ne Wurzelbehandlung“.

Als er wie im Film Shining mit fiesem Grinsen und bis fast in den Nacken nach hinten gezogenen Augenbrauen ähnlich wie Jack Nicholson mit einer Spritze in der Hand auf mich zusteuert, höre ich noch seine verharmlosenden Worte „Sooo, jetzt stupft es gleich ein bisschen“. Obwohl ich versuche, mich noch in letzter Minute zu befreien, jagt er mir eine Spritze in den Kiefer, deren Angenehmheitsgrad ungefähr mit dem einer Oberschenkelamputation ohne Narkose gleichzusetzen ist. Ich rudere noch kurz mit den Armen und sehe noch die Arzthelferin, wie sie mit dem Absaugeschlauch in der Hand offenbar in Warteposition und dämonischem Grinsen auf meinen Exitus wartet. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern.


Als ich mich zwei Wochen später wieder der festen Nahrungsaufnahme zuwende, fällt mir angenehm auf, dass ein Schnitzel, zur Abwechslung mal nicht püriert und aus einer Schnabeltasse geschlürft, doch einen deutlich höheren Genussfaktor hat. Und der nächste Zahnarztbesuch, na der kann warten. Ich habe jedenfalls keinerlei Zahnbeschwerden mehr (und werde vermutlich auch die nächsten 5, sagen wir 10 Jahre keine haben).