Testbericht DAEWOO MATIZ - Telefonzelle auf Rädern

Unser Fuhrpark wurde letzten Sommer etwas erweitert. Auf mein Drängen hin fährt Madame nun auch mal einen Neuwagen. Nicht des Neuwagens wegen, eher dem Sicherheitsaspekt Beachtung schenkend, da ich ihr in mühsamer und erniedrigender Dauerberieselung klargemacht habe, dass es sicherer ist, einen modernen Kleinwagen zu fahren, der über ABS und Airbags verfügt, als mit einem 12 Jahre alten und alterschwächelnden Corsa Mülltonnen umzulegen. Darauf steht sie nämlich extrem und vermisst es zugegebenermaßen mittlerweile sehr.

Immerhin hatte der alte Opel ja durchaus so seine Sicherheitslücken, zumal man durch Abwesenheit jedweder Schickimicki-Sicherheitsausstattung wie Airbags oder Gurtrückhaltesystemen beim Crash darin noch starb wie ein Mann. Das zog sogar bei ihr. Nachdem ich ihr also ein unglaublich günstiges Leasingangebot aufgenötigt hatte, bei dem sogar Versicherung und Inspektionen in den lächerlichen Leasingraten bereits inklusive waren, griff sie zu. Leider hat sich mittlerweile das Autohaus in die ewigen Insolvenzgründe verabschiedet, womit wiederum im Nachhinein alles exklusive ist, was bislang inklusive war.

Trotz allem (dem Herr sei Dank um mir erniedrigende Sitzungen beim Eheberater zu ersparen) hat sich meine Frau mittlerweile doch noch unsterblich in ihre rollende Telefonzelle verliebt. Zwar kann sie jetzt nicht mehr wie einst im Corsa ahnungslos herumstehende Mülltonnen umlegen, aber sie lernte zwischenzeitlich durchaus Annehmlichkeiten wie Servolenkung, Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber zu würdigen. Genug des Geplänkels, kommen wir zu den gnadenlosen Fakten dieses reinrassigen Sportgerätes und zum Praxisbericht:

Einmal hinter dem Lederlenkrad auf bequemen Sitzen des Sondermodells „Make Up“ Platz genommen, umgibt einen sofort schwüle Dekadenz. Diese manifestiert sich u. a. in einem überaus fortschrittlichen CD-Radio von Panasonic, welches zwar keine mp3 Dateien verdaut, dafür aber im CD-Betrieb bei jeder Rechtskurve eine Art A--> B Repeat anstimmt. Man gewöhnt sich aber an dieses ungwöhnliche Feature...

Aber auch Teilleder, Alcantara, Aluminium-Look Applikationen sowie höchstwertige Kunststoffe, die sich aus recycelten Joghurtbechern noch so zaubern lassen, umschmeicheln einen mit gnadenloser Haptik.

Soviel zu den inneren Werten. Hat man erst den Dreizylinder zum Leben erweckt, gibt es kein Zurück mehr: Sofort verfällt man dem superleichtgängigen 5-Ganggetriebe mit Kratzautomatik. Der etwas rauhe Lauf des Dreizylinders lässt einen sämtliche Körperhaare aufstellen.

Dir schwinden die Sinne, reißen dich erst die 86,6 Nm Drehmoment vorwärts, rupfen die 51 PS ungehemmt an den Antriebswellen wenn sich die 135er 13 Zoll Räder mit dem Asphalt zu verzahnen scheinen. So scheint es zumindest, denn durchdrehende Räder gibt es bei diesem 796 cm³ Kraftpaket natürlich ausschliesslich auf spiegelglatter Fahrbahn.

Wer viel Zeit und am Nachmittag noch nichts anderes vorhat, kann ruhig mal die Höchstgeschwindigkeit ausloten, die Daewoo selbstbewusst mit satten 144 km/h angibt. Ein Wert, der – selbst erlebt - einem auch im Nachhinein den Angstschweiß aus den Drüsen presst, denn bereits ab 130 Sachen regiert die einstige 200er – D – Fahrer Regel: „Lieber Sterben als Schwung verlieren“ und man hat das Gefühl, gleich platzen sämtliche Nieten weg, ähnlich wie beim unfreiwilligen U96 Tauchgang in angsterregende Tiefen des Ozeans.

Von erhöhter Seitenwindempfindlichkeit ab 70 Knoten mal ganz abgesehen (hier hat man das Gefühl, die Jolle segelt mit prallem Spinnaker hart am Wind), umschmeichelt einen das Fahrwerk gekonnt mit Oberklasse-Niveau. Wie sonst lässt sich erklären, dass meine Frau begeistert von Sprüngen jenseits der 50 km/h von hohen Bordsteinen berichtet, die man erstaunlicherweise "kaum wahrnimmt". Ich habe mir selbst auferlegt, diesen Hardcore-Test nicht eigenhändig nachzuvollziehen, und überlasse dies daher lieber meinem familieninternen Stunt-Experten auf diesem Gebiet. Irgendwer muß ja hierzulande die Sturz- und Spur Einstell-Industrie unterstützen.

Honoriert wird last but not least jeder noch so waghalsig anmutender Hochgeschwindigkeits- Fahrstil (also alles über 90 Sachen) mit exorbitanten Verbrauchswerten zwischen 7 und 8 Litern auf 100 km. Das ist reichlich wie mir schwant und der Kleine wird zum heimlichen Säufer auf den Autobahnen. Aber das ist sowieso nicht sein favorisiertes Jagdrevier. Fährt man den Kleinen wie meine Frau (also Flugrost auf den Kolben, da alles oberhalb von 3250 U/min als Quälen interpretiert wird), und hauptsächlich im Stadt- und Kurzstreckenverkehr, lassen sich durchaus Werte um 6 und 7 Litern (der Kleine nuckelt spottbilliges Normalbenzin) erzielen.

Aber Vorsicht: Die Klimaanlage genehmigt sich im Sommer einen Luxussteuer-Aufschlag von fast einem Liter; außerdem hat man das Gefühl, Godzilla hält einen an der Stossstange fest, wenn der Klimakompressor mit lautem KLACK reingeht.

Verwöhnen tut der Matiz seine Eigner mit konkurrenzlos günstigen Versicherungsprämien – und dank Minihubraum - extrem schmaler Kfz-Steuer. Eine nahezu komplette Ausstattung sowie superkompakte Außenmaße machen dieses wendige Auto ideal für den Stadteinsatz und die gnadenlos tobende tägliche Jagd auf limitierte Miniparkplätze. Außerdem kann man im Gegensatz zum Smart mal locker eben zu viert unterwegs sein, und der Wagen macht nicht gleich auf schneeglatter Fahrbahn Männchen wie sein imageträchtiger Mitstreiter. Voll besetzt zieht der Kleine aber nicht mal mehr eine Bi-Fi vom Teller und es stellt sich trotz heftiger Schaltarbeit und ordentlichem Ausdrehen der Gänge nicht mehr als zügiges Cruisetempo ein.

Aber was soll’s, der Matiz heißt ja jetzt eh Chevrolet und favorisiert wohl diese Art der Fortbewegung seiner großen Brüdern aus dem fernen Amerika, wo man Drei- und Vierzylinder allenfalls von Rasenmähern her kennt.

Anyway, mein Frauchen liebt ihren mittlerweile (von ihr zärtlich „Mahut“ genannten) Youngster mittlerweile trotz Abwesenheit heißblütiger Leistungsentfaltung sehr, und möchte ihn eigentlich gar nicht mehr wieder abgeben.