| FLUGANGST |
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Also es gab mal 'ne Zeit, da fand ich Fliegen richtig spannend. Meine Eltern steckten mich schon im zarten Alter von 8 Jahren ins Flugzeug, schossen mich in die Stratosphäre und ließen mich zu meiner Oma nach Berlin fliegen. Damals juckte mich das auch alles nicht wirklich, erst mit der Zeit kamen ein paar Ereignisse hinzu, die einen schon etwas nachdenklich machten. Da wäre zum Beispiel ein Blitzeinschlag ins Flugzeug. Ist eine tolle Erfahrung, wenn es plötzlich taghell wird und gleichzeitig kracht, als wäre eine Bombe explodiert. Da hilft auch nicht die überaus beruhigende Durchsage des Piloten: „meist gibt es nur oberflächliche Schäden“ wirklich weiter. Dies passierte meiner Frau und seitdem hat sich ihre Einstellung zum angeblich sichersten Transportmittel der Welt doch etwas geändert. Soll heißen, Fliegen erträgt Madame nur noch mit einer ausreichenden Dosis Betäubungsmittel in der Blutbahn, die normalerweise ausreichen würde, um einen ausgewachsenen Eisbären in einen zehnstündiges Koma zu schicken. Das beste ist allerdings, dass diese Flugpanik sich auch auf mich überträgt, nehme ich erst in einem dieser extrem bequemen Sitze eines Flugzeugs platz und genieße beim Start die feuchte Hand meiner Frau, deren fester Griff sich mit fortschreitender Geschwindigkeit immer mehr Richtung „Schraubstock“ verändert, bis ich selbst einen Herzschlag habe, den ein Bungeespringer auf der Plattform beim Blick in die Tiefe genießt. Meine Hand fängt dann langsam an, sich von fahl nach blau zu verändern, bevor ich mich endlich losreißen kann.
Unser Flug nach Kanada war solch ein Flug voller spannender Ereignisse, die meine Einstellung zur Fliegerei doch nachhaltig beeinflusst haben und von dem ich hier berichten möchte. Kaum abgehoben, gewinnt der Vogel auch schon heftig an Höhe und man hat das Gefühl, alle Innereien folgen dem plötzlichen steigenden Schwerkraftgefühl, welches einen irgendwie zusammenstaucht, nur sehr träge. Spannend wird’s erst dann, wenn der Flieger im steilen Winkel plötzlich mit einem ohrenbetäubenden Schlag kurz durchsackt, um dann nach dieser Sekunde der Schwerelosigkeit und des Extremstgeschrei in der Kabine wieder seinen Steigflug in gewohntem Winkel fortzusetzen, als wäre nichts gewesen. Später erfährt man dann, dass dies der Schleppwirbel eines kreuzenden Flugzeuges war. Diese Art Wirbel ziehen Flugzeuge mehrere Hundert Meter hinter sich her und der Schleppwirbel eines Jumbos kann z. B. einem Sportflugzeug schwer zum Verhängnis werden, denn die dort entstehenden Turbulenzen bringen solch eine Minikiste schon mal aus der Balance und lassen diese abschmieren. Nach dieser Einführung in die Feinheiten der Fliegerei kann ich mich also endlich aufs Wesentliche konzentrieren: Den kreischenden Kindern, die grundsätzlich immer genau hinter mir sitzen und am Sitz rütteln, als gäb es keinen Morgen mehr. Es hat den Anschein, als würden Sie zur crew gehören, die für den Dauertest sämtlicher Befestigungsschrauben des Sitzes verantwortlich ist. Das Geschrei und Gerüttel ist meinen durch eingangs geschilderte Ereignisse mittlerweile zum Zerfetzen gespannten Nerven auch nicht besonders zuträglich und vielleicht bin ich ja auch was das anbelangt ein wenig übersensibilisiert. Aber ist es nicht immer wieder ein Klassiker, wenn derart wohlerzogene Pansen ihre freien Entfaltungsmöglichkeiten voll ausschöpfen, die antiautoritäre Erziehung favorisierende junge Eltern ihnen freizügig gewähren? Erziehungsberechtigt heisst schließlich noch lange nicht, dass derjenige von diesem Recht auch Gebraucht macht. Ob da den Gang hoch und runter gerannt wird, ohne auf eventuelle Extremitäten anderer Passagiere zu achten, die da eventuell aus Platznöten in den Gang hängen, oder auch mit ohrenbetäubendem Geschrei „wie verteile ich den Inhaltes meines Spielerucksackes“ genervt wird – die Fliegerei wird für mich erst durch diese Komponenten richtig zur vollkommenen Entspannung. Als wäre es nicht genug, wird auch mal gerne ein bisschen auf den Sitzen geturnt und da fällt einem auch schon mal ein Halbwüchsiger in den Schoss, nicht ohne einem auch mal eben beim Absturz das halbe klappbare Fressbrett abzuräumen, welches man unter größter Konzentration logistisch optimal mit all den drögen Leckereien der Bordküche zugeparkt hat. Als drakonische Strafe ist dann allerhöchstens ein „ach Konstantin, lass das doch bitte“ von dem Erziehungsüberforderten von der Reihe vor mir zu vernehmen. Damals galt es als höflich, eine derartige Entgleisung sozialen Verhaltens zumindest zu entschuldigen; heute bin ich schon froh, wenn ich nicht eins von dem Rotzlöffel in die Fresse bekomme und widme mich wieder meinen Nervenübungen, ohne die mir - ähnlich wie in dem Film „Falling down“ - sicherlich die letzte Sicherung durchglühen würde. Aber das Mitbringen von Waffen oder waffenähnlichen Gegenständen ist ja mittlerweile strengstens untersagt und wird ja auch leider ebenso genau überwacht. Fast jedenfalls, denn eigentlich fallen die vom Bordpersonal liebevoll servierten Projektile (auch Brötchen genannt) eher in die Rubrik „Handgranaten“ oder zumindest „Wurfgeschosse“. Hat man die Dinger erst mal mit einer oder besser zwei Pullen Bier runtergewürgt (die Teile stauben doch etwas im Abgang), kann man sich auch endlich aufs Wesentliche konzentrieren: Den Turbulenzen. Es ist herrlich, den unerwarteten freien Fall zu genießen, wenn die ganze Kiste von einem auf den anderen Moment mal ein paar zig Meter durchsackt. Schon allein optisch ein Sahnehäubchen, wenn Pappbecher wie von Geisterhand vor einem zu schweben beginnen um im nächsten Moment die Saftsäule zentimeter versetzt einem in den Schoß herabregnen zu lassen. Klasse auch, wenn plötzlich die Fächer über einem aufgehen, und sich diverse Gepäckstücke verselbständigen. Fehlt eigentlich nur noch, dass es plötzlich Sauersatoffmasken regnet. All das trägt natürlich extrem zu meinem immensen Sicherheitsgefühl bei. Kalter Schweiß und fliegende Hitze wechseln sich ab sowie ein Herzschlag bis zum Hals plus eine panische Ehefrau neben mir, die mittlerweile bereits kurz vor dem hysterischen Anfall steht, runden die Idylle dieses Liniefluges optimal ab. Da kommt bei mir dann irgendwann der Moment, in dem ich mir vornehme, die Tür zum Cockpit aufzureissen, den Piloten am Hals zu greifen und ihm mit unmissverständlichem Würgegriff nahe zu legen, rechts ran zu Fliegen, denn wir hätten jetzt genug von dem Geschigger und all den Annehmlichkeiten dieses Linienfluges. Da kann das Saftschubs- Personal auch fünfmal über Lautsprecher den Rat geben „Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie den Flug“. Erstens kann ich mich nicht zurücklehnen, weil der Sitz sich nur 3 Grad in der Neigung von senkrecht auf fast senkrecht verändern lässt. Und zweitens versuche ich krampfhaft jeweils ein Bein durch spezielle Lagertechniken am Einschlafen zu hindern. Aber was tut man auch nicht alles, um über den großen Teich zu fliegen, um seinen Urlaub in Kanada zu genießen. Kaum ist man etwas abgelenkt und wieder in Urlaubsstimmung gekommen, kommt diese Durchsage, die man wirklich zu allerletzt hören will, zumal man keine 2 Minuten vorher aus dem Fenster gesehen hat und nichts als Wasser unter sich ausmachen konnte. „Verehrte Passagiere, wir haben leider einen Feueralarm in einem unserer Toiletten, ausgelöst durch jemanden, der dort verbotenerweise geraucht hat.“ Das ist dann wirklich der Moment, an dem mir fast die Lampe durchglimmt. Der Pilot ist offenbar ebenfalls am Ende seines Humors angelangt und ergänzt extrem gereizt:“ Ich bezahle 200 EUR plus eine Flasche Champagner für jeden, der mir denjenigen nennt, der verbotenerweise auf den Toiletten raucht. Dies ist absolut lebensgefährlich und ich werde den nächsten Flughafen zu Lasten desjenigen anfliegen und ihn dort der Polizei wegen vorsätzlicher Missachtung der Sicherheitsbestimmungen übergeben“. Die Vehemenz dieser Lautsprecherdurchsage zeigt tatsächlich ihre Wirkung und irgendwie reißen sich die manischen Nikotinleichen dann doch noch am Riemen und wir können diesen überaus entspannenden Flug auch ohne brennende Kabine und Notwasserung oder Zwischenlandung in Grönland fortsetzen. Völlig entspannt kommen wir irgendwann quasi um Jahre gealtert in Toronto an und freuen uns bereits auf den Rückflug.....
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