DU bist Deutschland
Seit gestern habe ich wieder Hoffnung in die Zukunft der Republik. Grund ist eine Sendung kürzlich im Fernsehen, die mich hat aufhorchen lassen. Vorbei scheint die Zeit des sinnlosen Dahinsiechens, Mut zur Initiative heißt hier offenbar das Motto, also quasi
DU BIST DEUTSCHLAND!

Gemeint ist eine Institution die sich formiert hat, die sich aufmacht, das Bruttosozialprodukt wieder zu stärken: Der Fight Club! Free Fighting heißt die neue Sportart auf die die Nation gewartet hat, und bei der so ziemlich alles erlaubt ist. Bis auf das stupide und überaus unsportliche Töten des Gegners versteht sich. In abgelegenen Lagerhallen treffen sich aus den unterschiedlichsten Motiven heraus die Sportbegeisterten ganz Deutschlands, um die Gladiatorenkämpfe des 21. Jahrhunderts live mitzuerleben.

Erstaunlich viele Damen sind auch im Publikum; ein auf Dauergrinsen geschalteter Blondinenroboter gibt zu verstehen, dass sie es toll findet, wenn das Publikum so richtig mitgeht; andere Damen stehen schlicht und ergreifend nur auf gut trainierte Männerkörper. Klar, wenn einem auch als Ästhetik-Gourmet die Chippendales zu niveaulos erscheinen, muss man nach echten Alternativen suchen.

Hier gibt es tätowierte Primaten, Skinheads, Neonazis und andere echt sympathische Durchschnitts-Schlägertypen. Also richtig männlich machomäßig das ganze. Und dieser testosteron-overkill ist es, der die Damenwelt im Publikum zum hysterischen Kreischen animiert. Kein Wunder, dass so manche Dame aus besagtem Publikum auf derartige events zurückgreifen muss, um überhaupt gut trainierte Männerkörper zu Gesicht zu bekommen: Höchstens ein ebenso attraktiver Kotzbrocken, der locker 2,5 Promille im Blut wegzustecken vermag, wäre überhaupt in der Lage, diese Gesichts-Fünfen schönzusaufen und sich freiwillig das Hemd mit krassem Balzgeschrei von der Wampe zu fetzen.


Ein 23jähriger Dachdecker hat also jeden Feierabend hart trainiert um sich fortan im Ring öffentlich die Fresse zu Brei kloppen zu lassen. Der Kick, so gibt er motorisch dauernickend im Interview zu verstehen, sei für ihn die Herausforderung des Kampfes. Is klar! Vielleicht hätte er in der Mittagspause doch nicht stapelweise Dachschindeln mit der Stirn zerkloppen sollen, aber schließlich muss man heutzutage neben seinem gar nicht so hippen Beruf ja etwas Angesagteres tun, um im Gespräch zu bleiben.

Brot und Spiele sind wieder gefragt heutzutage, was meine These bestätigt, dass sich die Evolution am Drehzahlbegrenzer im Rückwärtsgang befindet.

So kommt es dann also, dass - mit Ausnahme seiner Schwester, die Rotz und Wasser heult - die Menge tobt,  unser Dachdecker nach immerhin 2 Minuten fairen Kampfes halb (man beachte das Wort  "halb")  bewusstlos wie ein totes Insekt alle Viere gen Himmel streckend im Dreck liegt, und erst nach Einsatz der schwer beschäftigten Sanitäter wieder das Licht der Welt erblickt, da er von Ivan dem Schrecklichen, einem Hobbygladiator aus Tschechien, fast regelkonform tot gewürgt wurde.

Von Lernprozess keine Spur, gibt er wenig später zu verstehen, dass das Training und das Leben ja weitergingen. Und so schickt er sich an, seine Prellungen und Schürfungen wie Trophäen davon zu tragen, um baldmöglichst wieder den starken Herr der Ringe zu markieren.

Andere hatten an dem Abend weniger Glück; sie wurden mit diversen Frakturen ins Krankenhaus eingeliefert, was mich unweigerlich zu der Frage bringt, wer solche Heilmaßnahmen eigentlich finanziert? Aber eigentlich ist das ja auch zweitrangig. Hauptsache die Jungs haben Spass und wieder eine Perspektive, dafür nimmt die Allgemeinheit ja gerne höhere Krankenkassenbeiträge auf sich. Zumindest hat sie ja keine andere Wahl.....