Auf dem Weg zur Arbeit

An so manchem Morgen frage ich mich wirklich, ob ich nicht etwa im falschen Film bin. Letzte Woche hatte ich wieder so ein Erlebnis. Nachdem ich mich also in der Frühe auf den Weg zur Arbeit mache (es ist noch dunkel) und so aus meiner Garage rolle, beschleicht mich diese Gefühl, dass dies ein herrlicher Tag werden würde. Wie man sich doch irren kann.

Kaum 200 m von der eigenen Haustüre entfernt, biege ich ab um mir beim Bäcker noch eine Kleinigkeit zu besorgen, da wischt dieser Kondensstreifen an mir vorbei und reisst mir um ein Haar die gesamte Front samt Motor weg. Schade eigentlich, denn ich komme ja von rechts aber der Fahrer des Minivans konnte mich bei seinem Tempo nun wirklich nicht wahrnehmen. Ist ja auch klar, denn er drückt wahrscheinlich gerade wichtige SMS oder nestelt nach einem Feuerzeug.

Jedenfalls befasst er sich mit weit wichtigeren Dingen als mit trivialen Vorfahrtsregeln oder Tempolimits in verkehrsberuhigten Zonen. Ich bahne mir meinen Weg durch eine Horde radfahrender, freilich unbeleuchtet herumeiernder Zweitklässler, die offenbar spät dran sind, denn sie legen ein halsbrecherisches Tempo vor.

Mit leicht feuchten Fingern steige ich beim Bäcker aus und werde Zeuge eines delikaten Schauspiels: Eine der attraktivsten Mitbewohnerin (Maße 90/60/90 ;das andere Bein auch) unseres verschlafenen Vorortes schreitet mit forcierter Gangart auf den Eingang der Bäckerei zu und schnippt mir mit der gekonnten Eleganz eines hardcore  Kettenrauchers die Kippe durchs Blickfeld, dass ich einen Satz lasse, um dem Schweif des Glut- Aschekomets gerade noch auszuweichen. Die Dame, die durch die schlichte Wahl ihres dezenten Outfits (ein Klassiker, Leggins, halbhohe Absätze kombiniert mit einem schlicht-legereren Lumpen aus irgend einer längst vergangenen Epoche) bestellt mit gekonnter Lässigkeit und in tiefstem badischen Dialekt bei der Verkäuferin die offenbar für diese Spezies 3 lebensnotwendigen Komponenten: " I krieg a Berches, ä Päckle Marlboro un a Bildzoaidung" .

Für die Verkäuferin scheint diese Szene nichts Besonderes zu sein. Weder die gewählte Wortwahl , oder gar der fehlende "Guten-Morgen-Gruss". Man lebt halt hier auf dem Lande und hat sich an gewisse Umgangsformen gewöhnt, die der menschlichen Evolution offenbar beharrlich mit negativem Vorzeichen trotzen. Da zieht schonmal einer das Bein nach, weil er in einer romantischen Vollmondnacht aus Versehen seiner Schwester etwas zu nahe kam, ...aber lassen wir das.

Ihren ganzen Charme spielt die Prom-Queen aus, als sie sich akustisch eindrucksvoll den Sumpf aus den Tiefen Ihrer Bronchien hustet und das Produkt jahrelangen Kampfes ihrer Schleimhäute gegen die vorsätzliche Zwangsberäucherung mit Tabakprodukten mit Vehemenz durch die Nüstern zieht, die sonst nur kompressorbeatmete V8 Motoren zu eigen ist. Die ungemein appetitanregende Darbietung, bei der ich mir unweigerlich vorstelle, wie diese Masse, die aufgrund ihrer leckeren Konsistenz jedem Alien-Film gut zu Drehbuch stehen würde, sich den Weg durch ihren Siphon Richtung Verdauungstrakt bahnt, lässt mich kurzfristig über mein Vorhaben des Erwerbs von Backwaren zweifeln, da allein der Gedanke an Nahrungsaufnahme in mir Übelkeit hervorruft.

Das Gefühl verebbt, als sich Frau Flodder aufmacht, den Laden zu verlassen um draussen erst mal eine Zigarette nachzuschieben, denn sie ist nach den 2 Minuten Entzug bereits fast schon wieder auf Turkey.

Dem Himmel dankend, dass ich nun doch noch zwei völlig überteuerte Schneckennudeln erwerben konnte, bei deren inflatiösem Preisgefüge es zu Zeiten der D-Mark Bürgerkrieg gegeben hätte, setze ich meinen Weg zur Arbeit weiter fort. An der Ampel dann vor mir wieder einer dieser beliebten Minivans, hinten schwarze Folie und in grellem Gelb die unglaublich wichtige Botschaft "Konstantin, Dorian und Cedric on Board". Was genau dies uns zu vermitteln vermag? Ich weiss es nicht; mir sagt dies lediglich, dass hier drei weitere frische Erdbewohner mit unglaublich einfallsreichen Namen ausgebrütet werden.

Junge Eltern von heute sind ja ziemlich schmerzbefreit in diesen Tagen was dies anbelangt; ich jedenfalls würde nicht mal als Marketingleiter einer schwedischen Sperrholz-Beistellkommode derartige Namen verpassen. Wie dem auch sei, die Ampel wird grün und vor mir ist man sichtlich bemüht, den zum Anfahren nötigen Gang zu finden, denn es rührt immer noch lautstark im Getriebe, wo hinter mir bereits ungeduldige Huptöne die morgendliche Idylle zerfetzen. Als dann bei Sportlergelb sich völlig unerwartet doch noch die Droschke offenbar im hektisch gefundenen 3. Gang in Bewegung setzt, und die Kupplung ihr unter 300 nm Drehmoment eines modernen Turbodiesels geplagtes Todeslied der Verglasung anstimmt, weil der Fahrer (mittlerweile unter starkem Stress leidend) immerhin den Mut findet, das Kupplungspedal doch 2 mm kommen zu lassen, jagt der Sharan mit dem Tempo eines altersschwachen Traktors davon. 

Als sich die heftige Rußfahne und die sterblichen Überreste einer heissen Kupplung verziehen, setze ich bei der nächsten Grünphase meine Fahrt fort und falle fast vom Glauben ab, als Freund Minivan keine 3 Minuten später erneut vor meiner Nase wieder vor Anker liegt.  Herrlich spannend, hinter Erdbewohnern herzugautschen, die auf der Landstrasse mit waghalsigen 60 hm/h auch völlig unvermittelt immer wieder mal auf die Bremse latschen, um ein wenig Spannung in die triste Szene einziehen zu lassen. Und das, obwohl bis zum Horizont nichts zu erkennen ist. Aber vielleicht macht ja auch Cedric gerade erste Fahrübungen; man muß sich die Kinderlein ja frühzeitig entfalten lassen. Die ruckartigen Lenkbewegungen tun ihr übriges, um mir ein abschliessendes Urteil zu fällen: Dieser Wagen wird entweder gerade von einem Minderjährigen entführt oder hier handelt es sich um eine semiprofessionell getarnte Frühschoppenausfahrt der anonymen Alkoholiker.

Nach nicht enden wollenden 5 Minuten des sinnlosen Dahinrollens biegt der Wagen völlig unvermittelt und selbstverständlich ohne zu Blinken ab und ich bin beruhigt, als ich wieder zivilisierteres Territorium erreiche. Da stört mich auch nicht der mir entgegenkommende Wagen, der ohne Beleuchtung fahrend eine auf der Strasse wegen einer Baustelle aufgestellten Bake kurzerhand rechts über den Gehweg mit beachtlichem Tempo umfährt.

In den USA würde sich so jemand durch eine solche Aktion für eine standesgemäße "car-chase" Verfolgungsjagd incl. TV-Hubschrauberverfolgung qualifizieren; hierzulande gewöhnt man sich jedoch immer öfters an die milde ausgedrückt "legere Disziplin" im Strassenverkehr und derart gelagerte Stunts mit unklarem Ausgang. Jedenfalls bin ich auch an diesem Morgen wieder froh, heil angekommen zu sein. Die paar Ausrutscher, ich will ja nicht kleinlich sein.....